Dorfarchiv · Stand März 2020 · nicht die amtliche Seite der Ortsgemeinde — aktuelle Informationen unter mudenbach.com

Alaska-McKinley-Tour 1987-Rückkehr aus der Wildnis

Aklimatisierung und Einstimmungszeit in der Wildnis...

 

Erinnerung an die Tour 1987 und Rückkehr aus der Wildnis

 

Im warmen Schlafsack denke ich an den Besteigungsversuch von 1987 (Bild 011). Bei minus 38°C geriet ich in einer Höhe von 5700 m in den Latitude, so nennen die Rangers den "Spiralnebel" in den Gipfelregionen hoher Berge (Bild 012) und musste mit Erfrierungen an Nase und Händen umkehren. Nur mit Mühe entkam ich bei diesem Alleingang dem Inferno der Gipfelregion (Bild 012 und 013)!

Nach der heutigen Wildnistour im Jahr 1990 geht es wieder zurück nach Talkeetna. Man feiert den Minersday, das Fest der Goldgräber, und die Frauen von Talkeetna tanzen auf dem Dorfplatz (Bild 004). Am Takeena-River treffen wir Eric Stefanski, einen Austeiger aus Detroit, der mit seinem Hund unterwegs zum Goldgräberfest ist (Bild 005). Der wilde Bursche nimmt eine kleine Mundharmonika aus der Brusttasche und spielt uns ein Lied zu dieser traumhaften Wildnis.

 

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Tour 1990 - Vorbereitung und Einstieg in den Berg

 

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Alaska-McKinley-Tour 1990 - Vorbereitung

Vorbereitung, Flug zum Kahiltna-Gletscher und Einstieg 1990 in den Berg...

 

Tour 1990 - Vorbereitung und Einstieg in den Berg

 

Zum kältesten Gipfel der Erde!


Die Ureinwohner Alaskas nennen ihn respektvoll "Denali " — was in der Sprache der Athabaskan Indianer "der Große" bedeutet. Mit einer Höhe von 6195 Metern ist der Mount McKinley der höchste Berg Nordamerikas. Aufgrund der extrem nördlichen Lage herrschen in den Hochregionen Temperaturen, die auch im Sommer nicht selten auf unter minus 40 Grad C absinken. Hier, an den höchsten Erhebungen Alaskas treffen die Wetterfronten der Polarmeere aufeinander, was tagelange Stürme mit unvorstellbaren Ausmaßen zur Folge hat. Das Zusammenwirken von großer Höhe, enormer Kälte und infernalen Stürmen macht den McKinley zu einem der extremsten Berge der Erde.


Der Mountaineering-Ranger lacht, als ich ihm den Namen unserer "Expedition" nenne: "Holiday on ice? Thats a good name!" meint er und sucht dabei in einem Ordner an unseren Papieren. Da wir die erforderlichen Formalitäten bereits vor einem halben Jahr erledigt haben, steht lediglich noch ein Informations-Video aus, das für jeden Bergsteiger obligatorisch ist. Hier in Alaska sieht man die Sache mit der Besteigungsgenehmigung des Mount McKinley nicht so eng. Wer es versuchen will, hat in der Regel auch den Segen der Ranger, denn die Alaska-Range sortiert ungeeignete "Bergfreunde" aus, bevor es richtig ernst wird.


Talkeetna hat sich in den letzten drei Jahren kaum verändert . Lediglich das neue Postgebäude ist inzwischen fertiggestellt worden. Ich fühle mich in diesem ehemaligen Goldgräbernest, mit seinen alten Häusern und Hütten aus der Pionierzeit, sofort wieder wie zuhause. Auch die freundlichen, unkomplizierten Menschen dieser kleinen Alaska-Town die für jeden Fremden ein Lächeln und ein herzliches "Hi" übrig haben, scheinen noch die gleichen wie vor drei Jahren zu sein.


Jim Okonek, unser Gletscherpilot, bringt schlechte Nachrichten. Das Wetter soll für mehrere Tage schlecht werden. Er bietet uns jedoch an, morgen in aller Frühe noch einmal zu fliegen. Bis weit nach Mitternacht verpacken wir unsere Ausrüstung und den Proviant für die kommenden Wochen am Berg. Bei gutem Wetter rollen wir am nächsten Morgen mit unserer voll gestopften Cessna zur Startbahn des kleinen Flugplatzes und lassen Talkeetna mit dröhnendem Motorenlärm unter uns. Es grenzt für mich an ein Wunder, daß die kleine Maschine vom Boden abgehoben hat. Lautstark versuche ich den Motorenlärm zu übertönen, um meinem Expeditionskameraden Georg das gigantische Umfeld der Alaska — Range zu erklären.


Der Flug über die traumhaft schöne Eiswelt gibt uns einen Überblick, in welchen Dimensionen wir die kommenden Wochen verbringen werden. Endlose Gletscherströme, neben denen die größten Alpengletscher nur unbedeutende Winzlinge wären, schlängeln sich unter uns durch eine wildzerklüftete Berglandschaft, um irgendwo in der Tundra zu einem der breiten Flüsse zu werden. Eine traumhafte Welt, die jedoch trotz aller Schönheit und Superlativen eine spürbar ernste Ausstrahlung besitzt. Wir erreichen den Kahiltna-Gletscher und schweben nach Osten zur Southeastfork, um unter der Nordwand des Mount Hunter zu landen. Nach zwei — drei wilden Sprüngen gleiten die Schneekufen unseres kleinen Vogels durch 20 cm Neuschnee (Bild 014) in einem Bogen zum Basislager. Nachdem unser Pilot wieder gestartet ist, packen wir die gesamte Ausrüstung für die erste Etappe und stapfen dem 30 km entfernten McKinley entgegen. Die ersten Tage auf dem Gletscher sind immer sehr schmerzhaft. Der Kreislauf und die Muskulatur müssen sich erst an die extreme Belastung und die Höhe gewöhnen. Jeder von uns trägt zunächst 35 kg mit einer Tragekraxe auf dem Rücken und zieht einen Schlitten mit weiteren 25 kg hinter sich her (Bild 015). Vor allem die Schultern und die Hüftgelenke leiden zunächst sehr unter der ungewohnten Traglast. Da der Gletscher bald erheblich steiler wird, ist es unmöglich das ganze Gepäck auf einmal zu transportieren. Fortan müssen wir die Strecke zwischen den Lagern zweimal bewältigen.


In den folgenden Tagen ist das Wetter meist recht gut (Bild 016), lediglich am Kahiltna Pass werden wir von schlechtem Wetter einen Tag festgehalten (Bild 017).
Über Windy Corner, einer Passage in ca. 4000 m Höhe, die bei Sturm große Probleme machen kann, erreichen wir am fünften Tag einen idealen Lagerplatz. Hier, unter der steilen Eisflanke, die zur West Buttress hinaufleitet, hat sich ein kleines Zeltdorf gebildet. Etwa zwölf Zelte mit vorwiegend amerikanischen Bergsteigern befinden sich auf dem ebenen Platz - unter dem ersten wirklich ernsten Hindernis (Bild 018)!

 

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Tour 1990 - Der Eissturm hat uns im Griff

 

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Alaska-McKinley-der Eissturm hat uns im Griff

 

Weitere wertvolle Tage sitzen wir in der Eishölle fest...

 

Das Wetter wird schlechter. Heftige Sturmböen fegen über das Lager und füllen den Bereich zwischen unserem Zelt und der hohen Windschutsmauer mit Treibschnee (Bild 019). Aber die Stimmung im Lager ist trotz aller Umstände gut. Und wenn Scott Ruddock, der Expeditionsleiter eines australischen Teams, pünktlich um 20 Uhr sein Funkgerät einschaltet, um den Wetterbericht zu hören, stehen alle gespannt um ihn herum und lauschen den Worten des Radiooperators aus dem Basislager (Bild 020).
Als das Wetter an unserem dritten Tag im Lager (Bild 021) unter der West Buttress gegen 14 Uhr merklich besser wird, beschließen wir einen ersten Vorstoß auf den Grat zu versuchen. Die 700m hohe, bis zu 55 Grad steile Eisflanke (Bild 022) geht ans "Eingemachte ", völlig ausgepumpt erreichen wir den Sattel in fast 4900 m Höhe. Wir vergraben Proviant für etwa vier Tage und einen Teil der Ausrüstung etwas oberhalb des Sattels. Noch auf dem Grat schlägt das Wetter um, es beginnt zu schneien und heftig zu stürmen. Wie zwei Gestalten aus dem Jenseits, kehren wir am Abend in das kleine Zeltdorf zurück.
Nach einem Ruhetag steigen wir erneut mit schwerem Gepäck durch die Steilflanke und errichten ein Lager auf der West Buttress. Da unsere Position enorm dem Sturm ausgesetzt ist, sägen wir mit einer Schneesäge große Blöcke aus dem festen Firn und errichten damit eine hohe Schutzmauer um unser kleines Zelt (Bild 023). In den folgenden drei Tagen fegen immer wieder heftige Sturmböen über unseren Adlerhorst auf dem Grat (Bild 024). Oben am Gipfelgrat hängen Schneefahnen, die einige hundert Meter über den Gipfel hinausfegen (Bild 025). Wie lange werden wir es hier oben noch aushalten? Mit diesem Satz beschließe ich am Abend des 3. Juni meine Eintragungen ins Tagebuch und krieche tief in meinen Schlafsack hinein (Bild 026).

 

 

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Tour 1990 - Alleine zum Gipfel

 

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Alaska-McKinley-alleine zum Gipfel

 

Der quälende Aufstieg beginnt... - der Gipfel wird erreicht!

 

Um 3 Uhr in der Frühe verspüre ich das unwiderstehliche Gefühl, daß ich von den 5 Litern Flüssigkeit, die ich täglich in mich hineinschütte, wieder etwas ablassen muß. Mit Verwunderung stelle ich fest, daß kein Wölkchen mehr am Himmel ist. Außerdem ist es völlig windstill. Augenblicklich werde ich von einer unbeschreiblichen Unruhe gepackt, denn ich spüre, daß wir heute unsere Gipfelchance bekommen werden.
Ich nehme die Proviantbeutel mit ins Zelt, und Georg und ich stopfen alles was an Schokolade, Keksen und Kraftriegel noch übrig ist in uns hinein. Jede Kalorie, die wir nun in uns speichern, wird uns einige Meter höher bringen.

Nach einem kräftigen Frühstück seilen wir uns an. "Lets go to the summit" rufe ich meinem Kameraden zu und beginnen den langen Anstieg. Nach einer Stunde erreichen wir das Krähennest, eine letzte Lagermöglichkeit in 5250 m Höhe. In dem steilen Anstieg hinauf zum Sattel zwischen dem Nord- und dem Südgipfel treffen wir auf denkbar schlechte Verhältnisse, denn der Sturm der vergangenen Tage hat den losen Neuschnee der Nordseite hier abgeladen. Mühsam quälen wir uns Meter um Meter höher.


Die Anstrengung ist unbeschreiblich, wie ein Hammer schlägt mein Herz gegen den Brustkorb und die Lungen suchen verzweifelt nach mehr Sauerstoff. Endlich erreichen wir den Sattel in 5560 m Höhe, und mit einem mal stehen wir in der Sonne. Georg klagt über starke Kopfschmerzen und Übelkeit, Anzeichen der heimtückischen Höhenkrankheit.
Wir setzen uns neben einen großen, aus dem Eis ragenden Felsbrocken und machen eine erste Verschnaufpause. Ich versuche meinen Kameraden zu motivieren, merke aber sehr bald, daß die Höhe und der anstrengende Aufstieg durch den grundlosen Schnee ihm enorm zugesetzt haben. Georg bleibt zurück im Sattel, während ich den Anstieg fortsetze. Auf dem breiten Grat, der zum Südgipfel hinauf leitet treffe ich auf ideale Bedingungen. Der Sturm hat den Schnee abgetragen und griffigen Firn freigelegt. In einer Höhe von knapp 6000 m, leitet ein kurzer Abstieg auf den sogenannten Sportsground, eine Hochfläche, über der sich der steile Gipfelaufbau noch einmal 200 Höhenmeter aufbäumt.


Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich den verwächteten Gipfelgrat erreiche und ein unbeschreiblicher Ausblick frei wird. Selbst Eisgiganten wie der Mount Hunter, oder gar der 5300 m hohe Mount Foraker (Bild 027) haben von hier oben ein recht unscheinbares Aussehen. Die letzten Meter über den mäßig ansteigenden Grat vermitteln Eindrücke die man in Worten nicht beschreiben kann. Nach einem Wächtenbuckel stehe ich unvermittelt auf dem Gipfel des Mount McKinley (Bild 029)
Es ist völlig anders, als ich mir diesen Moment immer vorgestellt hatte. Kein Siegesgefühl, kein Freudenschrei. Leider auch kein Kamerad, mit dem ich die Erleichterung teilen kann, daß die unmenschlichen Strapazen nun ein Ende haben. Ganz allein stehe ich hier oben, und schaue auf die atemberaubende Eislandschaft, die einige tausend Meter unter mir liegt (Bild 028).


Ich verlasse den Gipfel und steige lagsam wieder über den Grat abwärts. Wo wird Georg jetzt sein? — Schuldgefühle überlagern langsam mein Gipfelglück..!

 

 

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Auch Georg am Gipfel - Lawine und Todesangst beim Abstieg

 

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Alaska-McKinley-beim Abstieg von Lawine überrollt

Gipfelglück auch für Georg; von einer Lawine überrollt - Todesangst beim Abstieg...

 

Gipfelglück auch für Georg - von einer Lawine überrollt - Todesangst beim Abstieg...

 

Als ich den unteren Teil des Grates erreiche, sehe ich unter mir drei Bergsteiger, die sich unendlich langsam die Steilflanke hinaufquälen. Der Vordere hat die gleiche Jacke wie Georg, denke ich stumpfsinnig vor mich hin. Dann schießt mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß der Kerl mit der Berghaus-Jacke doch Georg sein könnte. Nach einer Weile bin ich mir völlig sicher, "Schorch" ist unterwegs zum Gipfel. Meine Freude kennt keine Grenzen. Ich setze mich in den Schnee und kann es einfach nicht glauben. Wie in Trance steigt mein Kamerad aus der Flanke und erwidert meine überschwängliche Begrüßung nur flüchtig. "Ich weiß nicht ob ich wieder runterkomme, aber ich werde raufkommen", höre ich ihn mit gepreßter Stimme sagen. Ich überlasse Georg meine Skistöcke, übernehme seinen Eispickel und folge ihm noch einmal in Richtung Gipfel.

 

Gegen 16 Uhr stehen wir endlich zusammen auf dem Gipfel des McKinley (Bild 030).

 

Die enormen Spannungen und Zweifel der vergangenen vierzehn Tage entladen sich in unkontrollierbaren Gefühlsausbrüchen. Es fließen Freudentränen, die in den Barthaaren zu Eis erstarren. Wir haben in den letzten Jahren hart für diesen Augenblick gearbeitet und ich bin sehr froh, daß auch Georg den verdienten Gipfel erreicht hat. Nachdem wir alle Aufnahmen im Kasten haben, wird es Zeit an den langen Abstieg zu denken, denn ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist.
Auf dem Sportsground stolpern uns zwei Gestalten entgegen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Beim Anblick des steilen Gipfelaufbaues fällt der ältere von den beiden auf die Knie, legt Hände und Kopf über den Pickel und pumpt gierig den spärlichen Sauerstoff der Atmosphäre durch seine Lungen. Doch ein starker Willee bringt ihn wieder auf die Beine und treibt den erschöpften Körper weiter in Richtung Gipfel. Gegen 22 Uhr erreichen wir unseren "Adlerhorst" auf der West Buttress. Nach über fünfzehn Stunden unbeschreiblicher Anstrengung ist die Müdigkeit stärker als Hunger und Durst. Kaum im Schlafsack, sind wir auch schon im Reich der Träume.
Ein quälendes Durst gefühl weckt mich am frühen Morgen. Auch Georg ist schon wach und klagt über entsetzlichen Durst. Wir sind total dehydriert, was in dieser Höhe sehr schnell zu Problemen führen kann.

Das Wetter ist wieder umgeschlagen,
ein leichter Wind treibt dicke Schneeflocken durch das Hochlager. Wie nahe sind doch Himmel und Hölle an diesem unberechenbaren Berg. Obwohl es gar nicht besonders kalt ist, gelingt es mir einfach nicht, den Kocher zum Brennen zu bewegen. Nach unzähligen Versuchen beginne ich das lebenswichtige Gerät zu zerlegen. Leider habe ich den unverzeihlichen Fehler gemacht und das Reparaturset im Depot unter der West Buttress zurückgelassen. Die Not läßt uns jedoch das Wunder vollbringen die Verschraubungen mit einem Messer und einem Dosenöffner zu lösen. Nachdem die verschmutzte Düse gereinigt ist, funktioniert das Gerät wieder einwandfrei. Aber unser Benzin geht zur Neige.
Um die Mittagszeit tauchen drei Amerikaner im Schneetreiben auf und steigen zu unserem Lager ab. Ihre Gesichter sind mit einer Eiskruste überzogen, was ihnen ein gespenstisches Aussehen verleiht. Leider bringen sie keine guten Nachrichten mit, das Wetter soll für mehrere Tage schlecht werden und obendrein sei auch noch ein schwerer Sturm im Anmarsch. Auch wir entscheiden uns für den Abstieg. Als wir im Schneegestöber das schützende Zelt abbauen und unter dem Neuschnee nach Ausrüstungsteilen suchen, ist uns beiden die Sache nicht geheuer. Doch wir haben gar keine andere Wahl, da wir ohne Benzin, bei schlechtem Wetter verloren wären.


Georg und ich verlassen mit sehr schweren Traglasten das Hochlager. Nach längerem "Wühlen" finden wir endlich das verschneite Fixseil in der Scharte und sichern uns mit einem Karabiner. Der Abstieg in die steile, verschneite Flanke ist leichter als wir angenommen hatten. Wir kommen zügig tiefer und wagen es sogar noch Fotos zu machen.


Dann, etwa 150 Meter unter dem Grat, gerät die Flanke in Bewegung. Wie in Zeitlupe fließt die Neuschneeaulage um meine Beine, wird schneller, staut sich dann an meinem Körper und steigt an mir hoch bis zur Brust. Voller Entsetzen versuche ich dem enormen Druck der Schneemassen standzuhalten. Vergeblich, wie eine Planierraupe drückt mich das Schneebrett nach hinten in die Tiefe. Es vergehen Sekunden, in denen ich das Gefühl habe, in einem Betonmischer zu stecken. Dann geht ein gewaltiger Ruck durch meinen Körper und es wird dunkel. Ich kann nicht mehr atmen, weil Mund und Nase voller Schnee sind. Endlich wird mir klar, daß ich mit dem Kopf nach unten an einem der Ankerpunkte des Fixseiles hänge. Ein straffes Seil führt nach unten, zu meinem Kameraden, der reglos in der Steilflanke baumelt. Ich will ihm rufen, aber ich weiß seinen Namen nicht mehr. Verzweifelt schreie ich einfach drauflos. Als endlich Bewegung in den Schneeklumpen unter mir kommt, läßt die unerträgliche Spannung etwas nach. Mit viel Mühe gelingt es mir, aus den Trageriemen der kopflastigen Kraxe zu schlüpfen, um wieder auf die Beine zu kommen. Auch Georg scheint nicht ernsthaft verletzt zu sein. In den folgenden drei Stunden, in denen wir ohne die Hilfe eines Fixseiles durch die lawinenträchtige Steilflanke absteigen, nehme ich mir vor, nie wieder Steigeisen zu tragen und nie wieder einen Eispickel in die Hand zu nehmen (Bild 031).


Wenn ich diesen Horrortrip nur lebend überstehe, soll die Berge der Teufel holen.


Nach einer Weile stellen sich starke Schmerzen in meinem linken Fußgelenk und in meinem linken Oberschenkel ein. Als wir endlich das Lager unter der West Buttress erreichen und den Gefahrenbereich verlassen, verspüre ich eine unbeschreibliche Erleichterung.
Aber unser Abenteuer ist noch lange nicht überstanden. Noch in dieser Nacht macht uns der große Berg eine weitere Rechnung auf, denn der angekündigte Sturm donnert über unser Lager und hält uns für zwei Tage gefangen. Das geknatter der Zeltbahne, die bei den heftigen Böen zu zerfetzen droht, geht ein weiteres Mal empfindlich an die Nerven. Da es unmöglich ist im Freien zu kochen, graben wir uns eine Kochhöhle in die Wand unserer Schneeburg.


In diesen zwei Sturmtagen (5. und 6. Juni 1990) sterben am McKinley drei Menschen.
Ein Japaner erfriert, weil er sein Zelt nicht mehr findet und zwei Amerikaner, die sich vom "Cassins — Ridge" zu unserem Lager durchschlagen wollen, stürzen ab und werden später auf einem 2000 Meter tieferen Gletscher gefunden.
Mein Fuß ist inzwischen so dick angeschwollen, daß ich nur mit Mühe und Schmerzen in meine Bergstiefel komme. Als der Sturm abflaut, setzen wir den Abstieg fort. Drei Tage später landet die kleine Cessna von Jim Okonek im Kahiltna-Basecamp und trägt zwei angeschlagene aber glückliche Bergkameraden zurück nach Talkeetna (Bild 032)!


Bericht und Fotos: Hans-Artur Schütz



Rückblick


Inzwischen ist es 25 Jahre her, dass ich auf dem Gipfel des McKinley stand. Das un­beschreibliche Glücksgefühl, das Georg Schmal und ich dort oben verspürten, empfinde ich auch heute noch, wenn ich meine Bilder betrachte oder in meinem Alaska-Tagebuch lese.
Ich wurde oft gefragt: "Wofür quält ihr euch wochenlang auf einen lebensfeindlichen Gipfel, auf dem es außer Erfrierungen nichts zu holen gibt?"
Irrtum! - Ich habe dort oben etwas bekommen was sich niemand für alles Geld dieser Welt kaufen könnte.
Besteigen kann ich diesen Berg nicht noch einmal. Aber ich möchte ihm irgendwann noch einmal gegenüberstehen!

Hier endet der Bericht von Hans-Artur Schütz.
Trotz seines Gelöbnisses in der Not, ...nie mehr Steigeisen und ...der Teufel soll die Berge holen, ist für ihn das Bergsteigen ein Teil seines Lebens. Und so war er dann im Anschluß an oben geschilderten Besteigung des Mount McKinley und auch jetzt in heutiger Zeit wieder verstärkt auf einigen 4000er in den Alpen unterwegs. Er kanns halt nicht lassen - so nach dem Motto: einmal Bergsteiger - immer Bersteiger! Er liebt die Berge und teilt diese Faszination wohl mit vielen anderen.

Einige Mulitivisionsvorträge über weitere sehr interessante Bergwanderungen in den deutschen Alpen, am Gardasee usw. folgten.

Jetzt hat er sich auch der Mudenbacher Wandergruppe angeschlossen und gestaltet auch dort die Wanderungen mit.

 

Rainer Thiel

 

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